Stadt der 686 Biotope – konsequent schützen und gezielt
weiterentwickeln
WIR SÄGEN AM AST, AUF DEM WIR SITZEN!
Der Verlust von Artenvielfalt ist keine düstere Prognose, sondern schon heute traurige Realität. Laut Weltbiodiversitätsrat sind weltweit etwa zwei Millionen von geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten gefährdet. Auch die Befunde für Deutschland sind alarmierend. Rund 60% von 93 Lebensraumtypen sind in einem unzureichenden oder schlechten Zustand. Ein Drittel der Arten in Deutschland ist gefährdet. Ungefähr 10.000 Arten stehen kurz vor dem Aussterben, drei Prozent sind bereits verschwunden. Der Verlust von Lebensräumen u.a. durch intensive landwirtschaftliche Nutzung, Übernutzung biologischer Ressourcen, Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive Arten gelten als Hauptursachen dieser Entwicklung. Expert*innen sprechen vom sechsten Massenaussterben in der Geschichte unseres Planeten – und das hat unmittelbare Konsequenzen für uns Menschen. Tiere, Pflanzen, Pilze und Bakterien sorgen für gute Luft, sauberes Wasser und fruchtbare Böden – kurz: sie schaffen unsere (Über-)Lebensgrundlagen. Je größer die Biodiversität, desto größer ist auch die Resilienz eines Ökosystems. Jede Art, die verschwindet, reduziert unsere Widerstandskraft. Wir sägen buchstäblich am Ast, auf dem wir sitzen!
AUGSBURG – HOTSPOT URBANER BIODIVERSITÄT
Aufgrund spezieller naturräumlicher, biogeographischer und kulturgeschichtlicher Rahmenbedingungen ist Augsburg besonders artenreich. Blaue und grüne Lebensadern durchziehen das Stadtgebiet und sorgen für eine wundervolle Vielfalt. Allein die Flussschotterheiden am Lech zählen zu den diversesten Lebensräumen Mitteleuropas, die darüber hinaus eine wichtige ökologische Trittsteinfunktion in der Floren- und Faunenbrücke Lechtal erfüllen. Über 24% des Stadtgebiets sind bewaldet. Rund 28% des Stadtgebietes sind als Schutzgebiet ausgewiesen. Der Stadtwald ist mit 2.200 Hektar eines der größten und artenreichsten Naturschutzgebiete in Bayern. Expert*innen schätzen, dass hier rund 3.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten vorkommen, darunter zahlreiche eingewanderte Arten aus ganz Europa. In Augsburg gibt es 686 Biotope mit 2.529 Teilflächen.
AUGSBURGER NATUR UNTER DRUCK
Der Augsburger Artenreichtum ist nicht selbstverständlich. Unsere Natur leidet unter den Folgen des Klimawandels. Beispielsweise hat heftiger Hagel im August 2023 die besonders schützenswerten Schneeheide-Kiefernwälder im Stadtwald stark geschädigt. Einige Bäume sind inzwischen abgestorben. Auch Nutzungen wie das von Uniper mitten im Naturschutzgebiet geplante Laufwasserkraftwerk am Lech bei Flusskilometer 50,4 oder unachtsames, rücksichtsloses Verhalten in besonders sensiblen Bereichen, etwa auf den Kiesbänken am Lech während der Brutzeit des Flussregenpfeifers, setzen Arten und Lebensgemeinschaften zusätzlich unter Druck. Wir schätzen und genießen die besondere Landschaft und den Artenreichtum vor unserer Haustür, sollten uns aber stets auch der Verantwortung für ihren Schutz bewusst sein. Gemeinsam mit vielen Akteur*innen und zusammen mit anderen Kommunen können wir vor Ort und darüber hinaus viel bewegen, um die Vielfalt des Lebens – und damit unsere eigenen Lebensgrundlagen – zu erhalten!
KONKRETE FORDERUNGEN & MAßNAHMEN:
Wir können vor Ort aktiv werden – indem wir die Lebensraumvielfalt bewahren und fördern, Lebensräume vernetzen, verbindliche Regeln festlegen, Bildungs- und Beratungsangebote ausbauen und v.a. indem wir erkennen, dass wir diese Aufgabe nur gemeinsam bewältigen können!
1) Lebensraumvielfalt bewahren und fördern
Wir dürfen nicht klein denken! Augsburg soll “Stadt der 1000 Biotope” werden – 686 haben wir schon! Wir können städtische Grünflächen flächendeckend in Blühwiesen verwandeln – in Teilen wird das bereits erfolgreich gemacht! Schluss mit aufgeräumter Stadtnatur: Wir wollen Wildnis – wie am Inneren und Äußeren Stadtgraben, wo mitten in der Innenstadt zwischen Sumpf- und Auenpflanzen mehrere Biberfamilien und sogar Eisvögel leben. Ungepflegte Schutthalden zählen zu den artenreichsten Biotopen der Stadt. Wir müssen alle unsere künftigen Entscheidungen unter Biodiversitätsvorbehalt stellen und uns stets fragen: Inwiefern beeinträchtigt ein bestimmtes Handeln den Naturhaushalt? Wie können wir den Strukturreichtum erhöhen? Wie können wir die biologische Vielfalt an einem Standort gezielt fördern? Sobald Rohre verlegt oder Bäume zugeschnitten werden, müssen wir immer die Möglichkeiten mitdenken, die sich zur Bewahrung und Förderung der Biodiversität bieten und solche Gelegenheiten konsequent nutzen.
- Eh-da-Flächen ökologisch aufwerten: Flächen, die “eh da” sind und derzeit nicht anderweitig genutzt werden, wie Verkehrsinseln, Bahntrassen oder Flachdächer, müssen konsequent für den Artenschutz genutzt werden. Was spricht beispielsweise dagegen, unsere ÖPNV-Wartehäuschen wie die Stadt Utrecht in “Bee Stops” zu verwandeln? Dort gibt es schon seit 2019 insgesamt 316 insektenfreundlich begrünte Haltestellendächer gegen das Artensterben. Die Idee hat inzwischen weltweit Nachahmer gefunden – z.B. in Leipzig. Wir können uns das sehr gut auch für Augsburg vorstellen.
- Vielfalt der Grünanlagen erhalten und entwickeln: Unsere städtischen Parks und andere größere Grünanlagen wie Friedhöfe oder Spielplätze sind lebendige Großstadtoasen. Ihr Artenreichtum zeugt davon, dass bereits vieles richtig gemacht wird. Z.B. werden alte Bäume, die nicht mehr verkehrssicher sind, als Baumtorso erhalten und bleiben mit ihren Spechtlöchern, Fraßgängen, losen Rindenteilen und ausgemorschten Vertiefungen als Lebensräume und Brutstätten für zahlreiche Tiere, Pflanzen, Pilze, Flechten und Moose erhalten. Ein durchdachter Grünflächenpflegeplan sorgt für artenreiche Blühwiesen und Insektenvielfalt und schafft gute Vernetzungsmöglichkeiten für seltene Arten. Auch die Art der Beleuchtung ist relevant für den Artenschutz. Augsburg hat mit dem Umstieg von Quecksilber- auf insektenfreundlichere Natrium-Dampflam-
pen bereits vor Jahrzehnten Pionierarbeit geleistet und galt überregional als Modellstadt für umweltfreundliche Beleuchtung. An diese Tradition wollen wir anknüpfen! Auch Friedhöfe sind mit ihren Mauern, Hecken, Wasserstellen, Erdhaufen und oft alten Baumbeständen häufig sehr artenreich. Wir wollen das Potenzial, das Friedhöfe für den Artenschutz haben, konsequent ausschöpfen. Die veränderte Bestattungskultur mit mehr Urnengräbern und weniger Familien- und Reihengräbern lässt Raum entstehen, der gezielt zur Förderung der Artenvielfalt genutzt werden kann. Grundsätzlich gelten für artenreiche Friedhöfe dieselben Bedingungen wie für andere Grünanlagen: Strukturreichtum und extensive Pflege. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Bedingungen auf allen Augsburger Friedhöfen systematisch hergestellt werden. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, vielfältig bepflanzte Mustergräber anzulegen und Infotafeln aufzustellen, die kompaktes Handlungswissen vermitteln und Lust auf eine biodiversitätsfördernde Grabbepflanzung machen.
- Vertikale Strukturen nutzen: Die Stadt ist ein dreidimensionaler Raum. Auch die Vertikale hat Potenzial für den Artenschutz. Viele Arten nutzen menschliche Gebäude als Lebensräume oder Nistplätze (Kulturfolger). Wir setzen uns dafür ein, dass an exponierten Gebäuden, Mauern und Bäumen weitere Nisthilfen für Vögel, Fledermäuse und Insekten angebracht werden – eine einfache und relativ günstige Möglichkeit, die Strukturvielfalt im gesamten Stadtgebiet zu erhöhen. Bei Sanierungen sollen Nistmöglichkeiten gesichert und bei Neubauten welche geschaffen werden. Wir wollen bewirken, dass die Stadt dafür ein Programm entwickelt. Ein weiterer Hebel, an dem wir ansetzen wollen, ist die Förderung von Dach- und Fassadenbegrünung, um möglichst flächendeckend vertikale Nektartankstellen sowie Lebensraum für Vögel, Spinnen und Insekten bereitzustellen.
2) Lebensräume vernetzen
Vielfältige Lebensräume sind wichtig, aber wenn die Habitate isoliert sind und kein Austausch innerhalb der Arten stattfinden kann, ist deren Fortbestand trotzdem gefährdet. Die Vernetzung von Lebensräumen ist daher ein entscheidender Faktor.
- Freiraum- und Biotopverbund: Damit Arten wandern können, muss es Korridore zwischen den einzelnen Habitaten geben – lineare und punktförmige Verbindungen aus Wiesen, Hecken, einzelnen Sträuchern oder Bäumen. Ein Beispiel für einen solchen Korridor ist der Altstadtring, ein fast geschlossener Grüngürtel entlang der ehemaligen Stadtbefestigungsanlage. Dieser Ring hat allerdings Lücken – etwa in der Fugger- und Eserwallstraße. Wir wollen erreichen, dass diese Lücken geschlossen werden. Wenn die Fuggerstraße neu gestaltet wird, muss der Biotop-Lückenschluss eine zentrale Rolle spielen!
- Fließgewässerverbund: Auch unsere Fließgewässer müssen durchgängig sein, damit Arten wandern können. Im Rahmen der großen Augsburger Flussrenaturierungsprojekte “Wertach vital” und “Licca liber” wurden bzw. werden Barrieren beseitigt und Fischpässe angelegt. An der Wertach hat sich die Situation seit dem Spatenstich im Jahr 2000 deutlich verbessert. Teile der
flussnahen Aue wurden revitalisiert und dynamische Prozesse können bedingt wieder ablaufen. Der Start der naturnahen Umgestaltung des Lechs zwischen Lechstaustufe 23 und Hochablass ist in Vorbereitung. Ein drittes Projekt ist das EU-geförderte “LIFE-Projekt Stadt – Wald – Bäche”. Die Gewässer sollen strukturiert und vom Lech bis zum Lochbach durchgängig gemacht werden – z.B. indem Sohlschwellen und Abstürze umgebaut und zu kleine Rohrdurchlässe durch größere
ersetzt werden. Auch trockengelegte Rinnen werden reaktiviert. Alle diese Projekte erstrecken sich über lange Zeiträume und erfordern konsequentes Dranbleiben!
- Trockenverbund: Für den Trockenverbund spielen v.a. unsere Heiden eine herausragende Rolle. Etwa ein Prozent der ursprünglichen Heideflächen ist noch übrig – verinselte Standorte in Wäldern und Feldfluren. Seit vielen Jahren arbeitet der Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg daran, die verbliebenen Heidereste gemeinsam mit Schäfern und Landwirt*innen zu erhalten, zu vergrößern und zu vernetzen, damit ein Austausch innerhalb der Arten stattfinden kann. Beweidung (z.B. durch Przewalskipferde auf der Hasenheide bei Königsbrunn) und naturverträgliche Mahd spielen für ihren Erhalt eine entscheidende Rolle. Wir haben erreicht, dass der Landschaftspflegeverband seit dem Haushaltsjahr 2023 einen höheren Mitgliedsbeitrag von der Stadt für seine wichtige Arbeit bekommt und werden uns dafür einsetzen, dass weitere Mittel für Landschaftspflegemaßnahmen bereitgestellt werden, denn hier ist jeder Euro nachhaltig investiert!
3) Verbindliche Regeln festlegen
Konkrete Maßnahmen sind wichtig, aber um darüber hinausgehende nachhaltige Verbesserungen zu erzielen, sind auch regulierende Rahmenbedingungen sinnvoll.
- Baumschutzverordnung: Die 1989 eingeführte und zuletzt 2020 aktualisierte Augsburger Baumschutzverordnung regelt genau, welche Bäume erhalten werden müssen bzw. wann Ersatzpflanzungen erforderlich sind. Leider kommt es immer wieder zu Verstößen. Bäume werden gefällt, obwohl keine Genehmigung vorliegt, oder so schwer beschädigt, dass sie schließlich entfernt werden müssen. Wir setzen uns für eine bessere Kommunikation und Personalausstattung ein, damit die Verordnung besser wirkt.
- Flächennutzungsplan mit integrierter Landschaftsplanung und Bebauungspläne: Für die anstehende Weiterentwicklung des Flächennutzungsplans mit integrierter Landschaftsplanung fordern wir, dass der Naturschutz künftig priorisiert werden muss und ein entsprechender Grundsatz verankert wird. Handlungsspielräume sollen strikt im Interesse der Artenvielfalt genutzt werden. Die Ausweisung von Baugebieten in sensiblen Außenbereichen, wie zuletzt gegen unsere Stimmen nördlich von Bergheim in der wertvollen Pufferzone zum Naturpark Westliche Wälder, soll künftig nicht mehr möglich sein, wenn es naturverträglichere Alternativen gibt. Auch bei der Neuaufstellung bzw. Aktualisierung von Bebauungsplänen muss der Artenschutz berücksichtigt werden – etwa durch flächensparende, strukturreiche Anlagen mit intensiver, abwechslungsreicher und insektenfreundlicher Durchgrünung.
- Kleingartenentwicklungsplan: Auch der Kleingartenentwicklungsplan wird derzeit überarbeitet und kann zur Förderung der Artenvielfalt beitragen – z.B. wenn darin Blühflächen, Nisthilfen oder Steinhaufen gefordert werden und der Einsatz von Pestiziden untersagt wird. Schrebergärten sind besonders wichtige Lebensräume für Insekten. Insgesamt 3.796 Gartenparzellen in 53 Gartenanlagen verpachtet und verwaltet allein der Stadtverband Augsburg der Kleingärtner e.V.
- Freiflächengestaltungssatzung und Bodenversiegelungsverbotssatzung: Der Bayerische Landtag hat beschlossen, dass Kommunen sich nicht mehr in die Gestaltung von Freiflächen auf Grundstücken einmischen dürfen und diesen damit leider ein wichtiges kommunales Steuerungsinstrument aus der Hand genommen, für mehr Biodiversität und Klimaresilienz zu sorgen. Angesichts von Artenschwund und Klimakrise ist diese Entscheidung schwer nachvollziehbar. Die Prioritätensetzung geht klar an der Realität vorbei! Die neue Gesetzeslage erlaubt lediglich ein Verbot von Bodenversiegelung, Schottergärten und ähnlich eintönige Freiflächengestaltungen. Diese Möglichkeit müssen wir nutzen und eine entsprechende Satzung für Augsburg auf den Weg bringen! Um positive Anreize zu setzen, haben wir bereits 2023 eine kommunale Förderung für private Entsiegelungs- und Begrünungsinitiativen beantragt. Bürger*innen sollen finanziell unterstützt und kompetent und kostenfrei beraten werden. Wir bleiben dran!
- Vorgaben für landwirtschaftliche Nutzung und Förderung ökologischer Landwirtschaft: Rund ein Viertel des Augsburger Stadtgebiets wird landwirtschaftlich genutzt. Einige Flächen werden von der Stadt verpachtet. 2023 konnten wir durchsetzen, dass bei der Verpachtung dieser Grundstücke ökologische Aspekte eine zentrale Rolle spielen. Demnach sollen landwirtschaftliche Grundstücke bevorzugt an Landwirt*innen aus der Region vergeben werden, die ihren Betrieb nachhaltig unter Beachtung der EU-Öko-Richtlinien führen, also u.a. auf synthetische Pflanzenschutzmittel, Mineraldünger und Grüne Gentechnik verzichten, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auf ein notwendiges Minimum reduzieren und aktiv zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit durch Humuswirtschaft und abwechslungsreiche Fruchtfolge beitragen. Wir wollen erreichen, dass die Anwendung dieser Kriterien in Zukunft verbindlich ist und weitere Maßnahmenanstoßen – z.B. eine Biotopvernetzung in der Agrarlandschaft über Hecken und Ackerraine. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass das Erfolgsprojekt “Öko-Modellregion Stadt.Land.Augsburg” verstetigt wird. Die Initiative zielt u.a. darauf ab, die regionale ökologische Lebensmittelerzeugung zu unterstützen, Bevölkerung und Produzent*innen zu informieren und Bio-Landwirt*innen mit regionalen Konsument*innen zusammenzubringen.
4) Bildung und Beratung ausbauen
Die Klimakrise haben die meisten mehr oder weniger auf dem Schirm, das Artensterben und insbesondere die damit verbundenen Risiken für uns Menschen sind jedoch den wenigsten vollumfänglich bewusst. Durch Bewusstseinsbildung, Wissens- und Kompetenzvermittlung soll die Bereitschaft gefördert werden, notwendige Maßnahmen zu akzeptieren und selbst für den Artenschutz aktiv zu werden – z.B. durch biodiversitätsfördernde Garten- oder Balkongestaltung, eine Mitgliedschaft in einem Naturschutzverband oder nachhaltiges Konsumverhalten.
- Umweltbildungszentrum (UBZ): Im UBZ am Botanischen Garten, für dessen Realisierung wir uns lange eingesetzt haben, gibt es Führungen, Exkursionen, Vorträge, Ausstellungen, Fortbildungen, Workshops und Kochkurse für ganz unterschiedliche Zielgruppen, auch für Kitas und Schulen. Betrieben wird es von der Umweltstation, deren Träger der Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg ist. Das Angebot der Umweltstation ist seit ihrer Gründung 2007 stetig gewachsen. Mit der Eröffnung des neuen Gebäudes im April 2023 wurde ein neues Level im Hinblick auf Sichtbarkeit und Handlungsspielräume erreicht. Jedes Jahr können dort bis zu 1.500 Veranstaltungen stattfinden. Damit ist das UBZ ein wichtiger Baustein im Augsburger Netzwerk „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“. Um die Reichweite perspektivisch noch weiter zu steigern, können wir uns ein mobiles Angebot im Sinne aufsuchender Bildungsarbeit vorstellen. Wie wäre es z.B. mit einem BNE-Bus oder einem Biodiversitätsmobil?
- Beratung für biodiversitätsgerechte Gartengestaltung: Seit 2021 gehört zum Team des Umwelt- bildungszentrums auch eine hauptamtliche Insektenrangerin, die zur Förderung der biologischen Vielfalt in Augsburg u.a. Gartenbesitzer*innen bei der insektenfreundlichen Umgestaltung ihrer Grundstücke berät. Es ist ein sinnvoller Schritt, bei der Gestaltung von Privatgärten anzusetzen und niederschwellig qualifizierte Beratung anzubieten. In der Summe entspricht die Fläche der Gärten in Bayern mit rund 135.000 Hektar ungefähr der Fläche der bayerischen Naturschutzgebiete. Es macht also einen großen Unterschied, ob diese Flächen als strukturreiche Lebensräume zur Verfügung stehen oder ob sich dort tote Schotterwüsten befinden – zumal Gärten für den Biotopverbund als “Trittsteine” eine wichtige Rolle spielen. Bereits kleine Maßnahmen wie das Aufstellen von Insektentränken können für eine deutliche ökologische Aufwertung sorgen. Wir brauchen große Kampagnen, um zu sensibilisieren, Perspektivenwechsel und neue ästhetische Vorlieben zu fördern: Unordnung ist schön! Eine tolle Idee hat etwa die Stadt Andernach umgesetzt: Im öffentlichen Raum wurden zwei Modellbeete mit Sitzplätzen angelegt. Ein Beet ist naturnah, das andere als Schottergarten gestaltet. Die Temperaturunterschiede können direkt über eine digitale Anzeige nachvollzogen werden und eine Infotafel klärt über die Vorteile der naturnahen Gestaltung auf: besseres Mikroklima, weniger Pflegeaufwand und natürlich mehr Biodiversität. Aufklärung, Beratung und die Zurverfügungstellung von gebietseigenem Saatgut können Hemmschwellen senken und den erforderlichen Wandel unterstützen.
- Zoo und Co. – städtische Bildungsorte weiterentwickeln: In Augsburg gibt es städtische Bil- dungsorte, die prädestiniert sind, Wissen und Kompetenzen im Kontext biologischer Vielfalt zu vermitteln – z.B. Naturmuseum oder Zoo. Das Bildungspotenzial wird dort nicht voll ausgeschöpft. Deshalb haben wir schon 2023 eine Weiterentwicklung dieser BNE-relevanten Bildungsorte beantragt. Wünschenswert wäre außerdem ein starker Fokus auf die Natur vor unserer Haustür. Im Zoo gibt es bereits Bereiche, die explizit der heimischen Tierwelt gewidmet sind. Eine innovative didaktische Aufbereitung mit multimedialen Elementen könnte zu einem nachhaltigen Bildungserlebnis beitragen. Wir dürfen solche Bildungsgelegenheiten nicht ungenutzt liegenlassen!
5) Artenschutz geht nur gemeinsam!
Zahlreiche Fachstellen, Landwirt*innen, Verbände und einzelne Akteur*innen sind in und um Augsburg aktiv, um unsere besondere Landschaft mit ihrer außerordentlichen Artenvielfalt zu erhalten. Es ist un-
sere Aufgabe, ihre wertvolle Arbeit bestmöglich zu unterstützen! Neben den zahlreichen haupt- und ehrenamtlichen Naturschützer*innen setzen sich auch einige regionale Unternehmen und öffentliche Einrichtungen für den Artenschutz ein: z.B. die Stadtwerke, die Lechwerke AG, die AVA Abfallverwertung, die Wohnbaugruppe Augsburg aber auch Universität und Uniklinikum Augsburg – etwa indem sie auf ihren Flächen für eine strukturreiche Gestaltung sorgen. Über entsprechende Wirtschaftsfördermodelle kann die Stadt dieses Engagement gezielt fördern. Und auch alle Augsburger*innen, die ihre privaten Gärten so gestalten, dass sich dort Insekten, Vögel, Igel usw. wohlfühlen, leisten einen wichtigen Beitrag. Wir wollen alle einladen, sich einzubringen. Biodiversität zum Mitmachen! Entsieglungswettbewerbe, Prämienprogramme für besonders biodiversitätsfreundliche Balkone und Gärten, gemeinsame Pflanzaktionen oder Baumpatenschaften – es gibt viele Möglichkeiten, als Gemeinschaft für die Artenvielfalt aktiv zu werden.