Wohnungsnot überwinden – ökologisch & sozial gerecht!
JEDER MENSCH HAT DAS RECHT AUF ANGEMESSENES WOHNEN!
9,6 Mio. Menschen – so viele lebten 2024 laut Statistischem Bundesamt in einer überbelegten Wohnung. Sie mussten etwa im Wohnzimmer schlafen oder sich mit zwei oder mehr Geschwistern ein Kinderzimmer teilen. In Städten ist dieser Anteil wesentlich höher. Auch in Augsburg ist die Lage sehr angespannt. Die Ausprägungen der Wohnraumkrise sind dabei vielfältig: neben Überbelegung zählen dazu weite Pendelstrecken, jahrelange Wohnungssuche, finanzielle Überforderung durch zu hohe Mietkosten, der zerplatzte Traum vom Eigenheim, Zwangsräumung, Wohnungslosigkeit, Altersarmut. Diese Situation ist ungerecht und gefährdet den sozialen Zusammenhalt! Denn: Wohnen ist mehr, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Ein sicheres, behagliches Zuhause, ein nach individuellen Vorlieben und Bedürfnissen gestalteter Rückzugsraum, ist eine wichtige Voraussetzung für die seelische Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe. Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit! Wir müssen groß denken und schnell handeln. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Möglichkeiten einer Kommune mit der finanziellen Ausstattung von Augsburg begrenzt sind. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir Landes- und Bundesebene in die Pflicht nehmen, gezielt unsere Handlungsspielräume vergrößern, kreative Wege gehen, pragmatisch agieren und vorhandene Potenziale konsequent nutzen. Wohnen darf kein Luxus sein. Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenes Wohnen!
UNSERE LEITLINIEN:
Die große Herausforderung besteht darin, den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in Augsburg sozial und ökologisch / energetisch nachhaltig zu decken. Das heißt im Klartext: Wir müssen uns auf den Bestand konzentrieren, aber gleichzeitig Neubau erleichtern und zwar ohne auf hohe ökologische / energetische Standards zu verzichten. Wenn wir heute nicht klimaresilient bauen, schaffen wir die Geisterstädte von morgen. Alle diese Aspekte gilt es unter einen Hut zu bringen. Folgende Leitlinien sind für uns dabei entscheidend:
- Verantwortungsvoll mit Boden umgehen und dabei an die nächsten Generationen denken.
- Wohnen darf keine existenzielle Frage sein. Wohnen ist Menschenrecht!
- Wir setzen auf Dreifache Innenentwicklung. Konkret bedeutet das: Wir wollen hauptsächlich im Bestand nachverdichten und nicht auf die grüne Wiese bauen (Innenentwicklung vor Außenentwicklung) und gleichzeitig Mobilität, Grün- und Freiflächen qualifiziert weiterentwickeln, damit alle mehr Lebensqualität gewinnen. Verkehrsflächen werden dabei als graue Potenzialflächen verstanden.
- Wir müssen Wohnen neu denken, denn eine zeitgemäße Wohnungspolitik muss den veränderten gesellschaftlichen Realitäten entsprechen. Heute spielen Gemeinschaft, die Adaptivität des Wohnraums, also die Anpassbarkeit an veränderte Bedarfslagen (z.B. nach dem Auszug der Kinder), und eine produktive Verbindung von Wohnen und Arbeiten eine zentrale Rolle. Dem müssen wir gerecht werden!
- Offenheit und Flexibilität: Für mehr bezahlbaren Wohnraum müssen wir in alle Richtungen denken: klug nachverdichten, ausbauen, umnutzen und vorhandenen Wohnraum besser nutzen! Nur die Vielfalt an unterschiedlichen Maßnahmen kann in der Summe Entspannung bringen. Dabei müssen wir stets das große Ganze im Blick behalten, ökologische / energetische Leitplanken berücksichtigen und ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen Bestandsoptimierung und Neubau herstellen.
- Und das Wichtigste: Nicht über die Köpfe der Augsburger*innen hinweg planen! Wir lösen die großen Herausforderungen am besten, wenn wir gemeinsam mit Euch, mit den Bürger*innen, Verbänden, Initiativen und Organisationen, Brücken bauen und zusammen neue Wege beschreiten.
KONKRETE FORDERUNGEN & MAßNAHMEN:
1) Rahmenbedingungen für Bauvorhaben verbessern und gemeinwohlorientierte Projekte fördern
Um Bauvorhaben angesichts enormer Kostensteigerungen zu unterstützen, müssen wir bessere Rahmenbedingungen schaffen – etwa, indem wir unnötige bürokratische Hürden abbauen und Prozesse beschleunigen. Wir müssen bestehende Regelungen auf den Prüfstand stellen, um festzustellen, ob sie den Wohnungsbau eher hemmen als fördern. Die energetischen Standards zu verwässern kann aber keine Lösung sein, denn durch die CO2-Bepreisung werden Gas und Öl in den nächsten Jahren deutlich teurer und die Wohnnebenkosten würden ohne gute Dämmung stark steigen.
- Vor diesem Hintergrund haben wir auch die Weiterentwicklung unseres Augsburger Baulandmodells, dem Grundsatzbeschluss III, beantragt. Dieser sieht u.a. mehr geförderten Wohnraum und mehr Grünflächen vor und soll eine Weiterentwicklung der Stadt im Sinne des Allgemeinwohls bewirken. Die Anwendung soll nun vereinfacht werden – etwa durch den Verzicht auf das Veräußerungsmodell, nach dem Bauträger 30% der Projektfläche an Dritte zum unveränderten Anfangswert veräußern müssen, damit diese dann ihrerseits preisgünstigen Wohnraum schaffen. An der im Grundsatzbeschluss III festgesetzten Quote von mindestens 30% gefördertem Wohnraum für die Dauer von 40 Jahren wollen wir aber ebenso festhalten wie am darin vorgeschriebenen Grünflächenanteil von mindestens 15%.
- Das virtuelle Bauamt soll weiterentwickelt werden, um eine Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren und damit Kostenersparnis zu erreichen.
- Ein großes Problem für gemeinwohlorientierte kommunale Wohnungsbauunternehmen wie die Augsburger Wohnbaugruppe (WBG) stellt der Wegfall bereits eingeplanter EOF-Mittel (Einkommensorientierte Förderung) dar. Weil die hierfür zuständige Landesregierung aus CSU und Freien Wählern nicht genug Geld bereitstellt, mussten wichtige Bauprojekte auf Eis gelegt werden. Die EOF-Förderung besteht aus zwei Komponenten: einer Grundförderung für Bauherr*innen, die bezahlbaren Wohnraum mit Sozialbindung schaffen (zinsgünstiges Darlehen), und einer sog. Belegungsförderung, die unmittelbar den Mieter*innen zugutekommen, indem Mietkosten gesenkt werden. Um den Wegfall zu kompensieren, könnte die Stadt den EOF-Topf im Zuständigkeitsbereich der Wohnbauförderung aufstocken oder ein eigenes Förderprogramm ins Leben rufen – wie etwa die Stadt München mit dem “München Modell”, die dafür u.a. sozial gebundene Grundstücke bereitstellt und durch eine einheitliche Grundförderung als Darlehen bezahlbaren Wohnraum für Haushalte mit mittleren Einkommen schafft.
2) Verantwortungsvoll mit Boden umgehen
Boden ist eine begrenzte Ressource, mit der wir auch im Interesse nachfolgender Generationen verantwortungsvoll umgehen müssen. Eine Hauptursache für die momentane Schieflage auf dem Wohnungsmarkt besteht darin, dass es nie gelungen ist, Boden wirksam vor Spekulation zu schützen – etwa durch weitreichende Vorkaufsrechte für Kommunen oder die Einführung von Baugebot und Bodengewinnsteuer. Wir setzen uns dafür ein, dass alle auf kommunaler Ebene verfügbaren Instrumente genutzt werden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken – damit auch Krankenpfleger*innen und Polizist*innen bei uns gut leben können.
- Bei Grundstücksvergaben haben wir in den letzten Jahren einen Paradigmenwechsel erreicht. So werden stadteigene Grundstücke inzwischen vermehrt im Erbbaurecht vergeben. Dieses Modell beinhaltet die Nutzung einer Fläche für einen definierten Zeitraum – etwa für 50 Jahre. Auf einem solchen Grundstück lässt sich ein Bauprojekt deutlich leichter finanziell stemmen, weil statt der hohen Grunderwerbskosten lediglich ein jährlicher Erbbauzins anfällt. Die Kommune hat den Vorteil, dass ihre Gestaltungsspielräume auf lange Sicht erhalten bleiben.
- Ein weiteres Modell, das wir in dieser Stadtratsperiode erstmals erprobt haben und weiter etablieren wollen, sind Konzeptvergaben, also die Veräußerung von Grundstücken an die beste Idee bzw. nach bestimmten Kriterien (z.B. Mehrgenerationenwohnen) statt meistbietend. Auf dem Sheridan-Areal kann man derzeit miterleben, wie innovative Wohnprojekte entstehen, von denen das gesamte Quartier profitieren wird.
- Baugrund darf keine Kapitalanlage sein. Deshalb fordern wir, dass die Stadt die Möglichkeit ergreift, mit Baugeboten und perspektivisch auch mit erweiterten städtischen Vorkaufsrechten gegen Baulandspekulation vorzugehen.
- Wir wollen in Flächennutzungs- und Bebauungsplänen grundsätzlich festlegen, dass Raum in Zukunft effizienter genutzt werden muss – etwa durch mehr Gemeinschaftsflächen oder variable Grundrisse.
3) Klug nachverdichten und Flächenverbrauch begrenzen
Verantwortungsvoll mit Boden umzugehen bedeutet auch: den Flächenverbrauch so gering wie möglich halten, Innenentwicklung fördern und die “grüne Wiese” schonen. Leider haben CSU und SPD das neue Baugebiet nördlich von Bergheim zuletzt gegen unsere Stimmen durchgedrückt. Wir hatten seit Jahren auf die negativen Folgen für den Naturhaushalt an dieser Stelle hingewiesen. Umso mehr werden wir in Zukunft dafür kämpfen, dass dieser Fall eine absolute Ausnahme bleibt. Es gilt, innerhalb der Siedlungsgebiete nachzuverdichten und die daraus resultierende dichtere Bebauung durch Entsiegelungsmaßnahmen, Dach- und Fassadenbegrünung zu kompensieren.
- Mit der neuen Baugebietskategorie “Urbanes Gebiet” verfügen wir über ein zusätzliches Planungsinstrument, um in innerstädtischen Bereichen eine intensivere Durchmischung unterschiedlicher Nutzungen zu ermöglichen. Diese Option erleichtert eine Nachverdichtung im Sinne einer „Stadt der kurzen Wege“, denn Funktionen wie Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Bildung, Kultur und Sport können nun in enger räumlicher Nähe zueinander kombiniert werden. Im Vergleich zum bisherigen Mischgebiet erlaubt die neue Kategorie eine vielfältigere und umfassendere Nutzungskombination. Für das ehemalige Obi-Areal in der Reichenberger Straße bietet sich eine solche Nutzung an.
- In der Stadt gibt es viel ungenutzten Luftraum, den man in Wohnraum verwandeln könnte, ohne dafür auch nur einen zusätzlichen Quadratzentimeter versiegeln zu müssen – etwa indem wir Flächen, die durch eingeschossige Discounter oder Parkplätze bisher wenig effizient genutzt werden, umplanen und neu aufteilen (z.B. mit Stelzenhäusern). Konkrete Pläne gibt es für einen Supermarkt mit baulich getrenntem Getränkemarkt und großflächigem Parkplatz zwischen Jakoberwallstraße und Argonstraße. Wir fordern, dass das Potenzial für derartige Umgestaltungen systematisch erfasst wird und entsprechende Projekte mittelfristig realisiert werden, wo dies möglich und sinnvoll ist.
- Was liegt näher, als bereits vorhandenen Raum für Wohnzwecke zu nutzen? Solche Eh-da-Räume wie ungenutzte Dachböden oder leerstehende, nicht mehr benötigte Gewerbeimmobilien besitzen in der Summe ein riesiges Potenzial, um nachhaltig Wohnraum zu schaffen. Wir wollen attraktive Förderprogramme für den Dachbodenausbau und für die Umnutzung von Gewerbeimmobilien. Die Ampelkoalition im Bund hat für Ausbauten wesentliche Erleichterungen eingeführt. Nutzungsänderungen für Wohnzwecke sind beispielsweise unter bestimmten Voraussetzungen genehmigungsfrei, ebenso der Bau von Dachgauben. Das Maßnahmenpaket sieht außerdem vor, dass bei Ergänzungen im Bestand unter bestimmten Umständen keine zusätzlichen Kfz-Stellplätze bereitgestellt werden müssen.
- In diesem Zusammenhang können wir uns auch Arrondierungen und Umwidmungen von brachliegenden, bisher gewerblich genutzten Flächen vorstellen, die weiterentwickelt werden sollen und für eine Wohnbebauung infrage kommen. Diese hervorragende Möglichkeit für eine nachhaltige Innenentwicklung wird bereits auf dem Eberle-Areal in Pfersee umgesetzt. Auch brachliegende Teile des Bahnparks im Hochfeld würde sich aus unserer Sicht gut für den Wohnungsbau anbieten.
4) Vorhandenen Wohnraum besser nutzen
Um die Wohnraumkrise zu bewältigen, können wir mehr Wohnraum schaffen. Wir können aber auch den vorhandenen Wohnraum “einfach” besser auslasten. Fast 80% der Augsburger*innen leben in Ein- und Zweipersonenhaushalten. Gleichzeitig haben etwa 50% der Wohnungen vier oder mehr Zimmer. Folglich leben sehr viele alleinstehende Personen und Paare in sehr großen Wohnungen – nicht immer freiwillig. Hier sehen wir einen starken Hebel, um einen Teil des Wohnraumbedarfs ohne größeren Aufwand ökologisch und sozial nachhaltig zu decken.
- Das Wohnungstausch-Angebot der WBG läuft unter dem Motto „Umziehen für Familien” und wird nur sehr wenig angenommen. Wohnungstausch-Angebote könnten besser funktionieren, wenn es gelingt zu vermitteln, dass etwa der Umzug in eine kleinere, barrierefreie Wohnung für ältere Menschen einen enormen Gewinn an Lebensqualität bedeuten kann – v.a. wenn eine gute ÖPNV-Anbindung und Erreichbarkeit von Geschäften und ärztlicher Versorgung gewährleistet ist. Ältere Menschen hätten so das Gefühl, im eigenen Interesse in eine passendere Wohnung zu ziehen. Solche Angebote können mit weiteren Anreizen verbunden werden, um gezielt Hürden zu senken: z.B. die Organisation und Mitfinanzierung des Umzugs, eine anfängliche Unterstützung bei der Orientierung in der neuen Umgebung oder ein Mieterticket für den ÖPNV. Wir setzen uns dafür ein, dass dieser Ansatz weiterverfolgt wird.
- Ein anderer vielversprechender Ansatz ist die Unterstützung von Menschen, die einen ungenutzten Teil ihres Wohnraums baulich abtrennen und vermieten wollen. Das Projekt Nestrückbau wurde für diesen Zweck ins Leben gerufen. Wir wollen darauf hinwirken, dass die Stadt solche Beratungsangebote fördert und Umbaumaßnahmen bezuschusst.
- Auch ohne Umbau kann ungenutzter Raum zur Verfügung gestellt werden. In München wird schon seit 1996 das Modell “Wohnen für Hilfe” bzw. Homeshare umgesetzt, in dessen Rahmen meist jüngere Untermieter*innen bei älteren Menschen einziehen, wenig Miete bezahlen und dafür z.B. Einkäufe erledigen oder im Garten helfen (Orientierungsrahmen: 1 m² Wohnfläche = 1 Stunde Hilfeleistung im Monat). Eine Vermittlungsstelle bringt die Wohnpaare zusammen. Eine vermittelnde Instanz, die auch bei Problemen immer angesprochen werden kann, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Leute sich auf dieses Modell einlassen. Deshalb möchten wir auch in Augsburg eine solche Stelle einrichten – etwa im Rahmen einer Kommunalen Wohnzentrale – s.u..
- Auch in Augsburg gibt es Vermieter*innen, die Wohnungen zurückhalten – z.B. weil sie Mietnomaden fürchten oder den Aufwand scheuen. Um diesen Wohnraum zu mobilisieren, hat die Stadt Karlsruhe eine sehr erfolgreiche Strategie entwickelt. Beim Karlsruher Kooperationsmodell garantiert die Stadt die Mietzahlung und kümmert sich im Fall von Problemen, während der / die Wohnungseigentümer*in Wiedervermietung mit Sozialbindung zusagt. Die Stadt könnte auch gegen Gebühr Verwaltungsaufgaben wie Mieter*innenauswahl, Mieteinzug oder Betriebskostenabrechnung für Privatvermieter*innen übernehmen. Aus diesen Ideen wollen wir ein Augsburger Modell entwickeln, das Leerständen durch Kooperation und Anreize entgegenwirkt.
5) Bezahlbare Mieten sichern und Armutsprävention ausbauen
Strenggenommen gibt es weniger einen Mangel an Wohnraum als einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Auch wenn neu gebaut wird, entstehen oft v.a. Wohnungen im hochpreisigen Segment. Die neu gebauten Wohnungen an den ehemaligen Ladehöfen am Hauptbahnhof kosten beispielsweise bis zu 20 € pro Quadratmeter, im sanierten Gebäudekomplex am Schmiedberg 6 werden zum Teil über 30 € pro Quadratmeter verlangt.
Vor diesem Hintergrund ist es folgerichtig, Möglichkeiten zu nutzen, um erschwingliche Mieten zu sichern.
- Die Stadt kann derzeit keine verbindlichen Anordnungen treffen, um zu verhindern, dass dem Mietwohnungsmarkt wertvoller Wohnraum z.B. durch Leerstand oder gewerbliche Nutzung entzogen wird. Dies führt zu einer Verknappung und treibt die Preise in die Höhe. Deshalb fordern wir für Augsburg in Ergänzung zum Augsburger Modell für Leerstandsmanagement eine Zweckentfremdungssatzung. Bereits 2019 haben wir die Einführung einer Zweckentfremdungssatzung beantragt. Mittlerweile sind zwar die Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um eine solche Satzung einzuführen zu können, verschärft worden, wir halten aber trotzdem daran fest – schließlich zeigen Erfahrungen aus anderen Kommunen, dass es sich lohnt. So konnten etwa in Nürnberg im ersten Jahr nach der Einführung 2019 fast 100 Wohnungen dem Mietwohnungsmarkt zurückgegeben werden.
- Um das Leerstandsproblem gezielt anzugehen und für Wohnungseigentümer*innen Anreize zu setzen, ihren Wohnraum aktiv zu nutzen bzw. zur Verfügung zu stellen, können Kommunen auch eine Leerstandsabgabe verlangen – z.B. nach einem ununterbrochenen Leerstand von sechs Monaten. Einige Bundesländer in Österreich haben beispielsweise ein Leerstandsgesetz, das die Erhebung einer Leerstandsabgabe beinhaltet. Auch Paris oder Vancouver haben entsprechende Regelungen. Kommunale Abgaben sind in Deutschland über das Kommunalabgabengesetz bzw. die jeweiligen Landesgesetze geregelt.
- Vermieter*innen handeln ordnungswidrig, wenn sie vorsätzlich oder leichtfertig eine unangemessen hohe Miete (20% über der „ortsüblichen Vergleichsmiete“) verlangen. Wir fordern, dass sich die Stadt für faire Mieten einsetzt. Um Vermieter*innen zu sensibilisieren, wollen wir einen Augsburger Mietenmonitor einführen. Wohnungsangebote auf Immobilienplattformen sollen ausgewertet und die Vermieter*innen im Fall unverhältnismäßig hoher Mietforderungen kontaktiert werden. Darüber hinaus sollen Mieter*innen, die in zu teuren Wohnungen wohnen, aktiv unterstützt werden, gegen Wuchermieten vorzugehen.
- Um der Gentrifizierung entgegenzuwirken und eine Vertreibung von Mittelschicht und einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen aus der Innenstadt zu verhindern, können Erhaltungssatzungen zielführend sein – z.B. in der Jakobervorstadt. Die Stadt München macht damit gute Erfahrungen und hat insgesamt 36 Erhaltungssatzungsgebiete ausgewiesen.
- Eine durch hohe Mieten besonders belastete Gruppe sind Auszubildende und Berufsfachschüler*innen ohne Ausbildungsvergütung. Deshalb wollen wir in Kooperation mit Verbänden ein Auszubildendenwerk gründen und in diesem Rahmen bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen.
- Für viele Menschen stellt bereits die Mietkaution eine beträchtliche Hürde dar. Wir setzen uns aus diesem Grund für die Einrichtung eines Mietkautions-Fonds für Studierende und Auszubildende ein, um dieser Gruppe gezielt unter die Arme zu greifen.
- Auch Werkswohnungen sind ein Weg, um bezahlbaren Wohnraum zu sichern. Wir wollen daher ein Belegungsrecht bei bindungsfreien WBG-Wohnungen für städtische Mitarbeitende einführen. Unsere Bürgermeisterin Martina Wild hat hier schon vorgelegt, indem sie Wohnungen für Kitapersonal bereitstellt. Hier sehen wir auch eine vielversprechende Möglichkeit, den Fachkräftemangel zu bekämpfen.
- Um Wohnungslosigkeit zu verhindern, soll in enger Zusammenarbeit mit Wohnungsbaugesellschaften und freien Trägern die Förderung von Wohnungserhalt und Wohnfähigkeit ausgebaut werden – etwa durch Aufstockung der Mittel für das städtische Wohnhilfeprojekt, das in Kooperation mit sozialen Einrichtungen wie dem SKM Augsburg zur Begleitung von Wohnungsnotfällen initiiert wurde, oder durch den Ausbau der städtischen Fachstellen zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit im Amt für soziale Leistungen
6) Ökologisch nachhaltig Bauen
Der ökologische Fußabdruck der Bauindustrie ist riesig. Die Baubranche verursacht knapp 40% der Treibhausgasemissionen. Das hängt v.a. mit den bevorzugt verwendeten Baustoffen zusammen. Beton etwa besteht aus Zement, bei dessen Erzeugung enorm viel CO2 freigesetzt wird. Auch Glas und Aluminium sind im Hinblick auf Energieaufwand, Ressourcenverbrauch und Umweltschäden bei der Herstellung je nach Verfahren mehr oder weniger problematisch. Außerdem verursacht die Bauindustrie ein riesiges Müllproblem. Der meiste Müll in Deutschland ist Bauschutt! Auch der Betrieb von Gebäuden verursacht Treibhausgasemissionen. Um die Energiewende stemmen zu können, muss an dieser Stelle konsequent nachgebessert werden. Wo neu gebaut wird, müssen ökologische Kriterien eine zentrale Rolle spielen. Die Kosten, die wir heute durch billige, nicht-nachhaltige Bauweise sparen, bürden wir unseren Kindern auf – in Form ökologischer Folgekosten und weil diese Gebäude nicht zukunftstauglich sind und absehbar aufwändig angepasst werden müssen.
- In den letzten Jahren haben wir einige Meilensteine erreicht – z.B. einen Augsburger Energiestandard für energieeffizientes Bauen und Sanieren, eine Solarpflicht u.a. für Neubauten und neue Bestimmungen für PV-Anlagen auf denkmalgeschützten Gebäuden. Diese Errungenschaften bilden eine gute Basis, um jetzt weiter voranzuschreiten. Was den Denkmalschutz betrifft, wollen wir beispielsweise auch gute Lösungen für die Dämmung historischer Gebäude finden.
- Ein weiterer Punkt betrifft die verwendeten Materialien. Gängige Baustoffe hinterlassen einen großen ökologischen Fußabdruck. Es gibt aber Alternativen, die laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) mindestens genauso haltbar sind. Aus Holz, Lehm, Stroh, Bambus oder Pflanzenresten aus Land- und Forstwirtschaft lassen sich nachhaltige Gebäude bauen, die zudem hervorragende Wohneigenschaften aufweisen. Bereits 2021 haben wir beantragt, dass die Stadt künftig bei eigenen Bauvorhaben prüft, ob das jeweilige Gebäude auch als Holzbau, bevorzugt aus regionaler, nachhaltiger Forstwirtschaft, realisiert werden kann. Wir müssen diesen Ansatz weiterverfolgen, mit gutem Beispiel vorangehen und niederschwellige Beratung anbieten. Eine wichtige Rolle können dabei unsere regionalen Holzbauunternehmen spielen, mit denen die Stadt eng zusammenarbeiten soll.
- Wir müssen gerade in der Bauindustrie mehr in Kreisläufen denken. 2019 hat die Stadt Hannover ein Haus aus Müll gebaut – das erste Recyclinghaus in Deutschland. Es besteht größtenteils aus recycelten Baustoffen und gebrauchten Bauteilen und ist zudem vollständig dekomponierbar. Leider sind solche Projekte noch selten, aber sie zeigen, was möglich ist. Die Baukosten für ein solches Gebäude sind hoch, denn serielle Wiederaufbereitungs- und Handelsunternehmen für gebrauchte Bauteile sind noch die Ausnahme, aber das kann und soll sich ändern. Vielleicht gelingt es uns sogar, Augsburg zu einem Hotspot der Kreislaufwirtschaft zu entwickeln? Mit dem Recycling Atelier für die Textilbranche ist ein erster Schritt getan. Für den Wirtschaftsstandort Augsburg wäre das eine tolle, nachhaltige Perspektive.
- Im Rahmen automatisierter Prozesse werden seriell bzw. modular gebaute Gebäude zumindest in Teilen (z.B. Decken, Wände, ganze Räume inklusive Anschlüsse und Installationen) vorgefertigt. Die fertigen Bestandteile bzw. Module werden auf der Baustelle zum vollständigen Haus montiert. Dieses “Lego-Prinzip” spart v.a. Zeit und Geld, kann aber auch ökologisch vorteilhaft sein. Beispielsweise können dadurch Bauabfälle reduziert und die eingesetzten Materialien effizienter genutzt werden. Die fertigen Bestandteile bzw. Module können hohe Energiestandards erfüllen und aus nachhaltigen Baustoffen bestehen. Ökologische und soziale Aspekte (bezahlbarer Wohnraum) können dadurch leichter unter einen Hut gebracht werden. Das oben bereits erwähnte und überwiegend aus Holzelementen bestehende Stelzenhaus in der Münchner Rümannstraße beispielsweise kann dank Modulbauweise und einem sehr hohen Vorfertigungsgrad schnell und problemlos errichtet werden. Wir setzen uns dafür ein, dass die Stadt Augsburg im Rahmen ihrer Zuständigkeit serielles bzw. modulares Bauen unterstützt und forciert.
7) Kommunale Wohnzentrale (KWZ) etablieren und Angebote sichtbar machen
Die Wohnraumkrise sozial und ökologisch nachhaltig zu bewältigen, ist eine höchst komplexe Aufgabe. Deshalb müssen die strukturellen Rahmenbedingungen dafür verbessert werden. In diesem Sinne soll aus vorhandenen städtischen Strukturen (z.B. Amt für Wohnbauförderung und Wohnen mit Stabsstelle Wohnraumentwicklung und Leerstandsmanagement, Wohnbüro für Menschen in prekären Lebenslagen) eine Kommunale Wohnzentrale mit zusätzlichen Aufgaben entwickelt werden.
Folgende zusätzliche Aufgaben wären aus unserer Sicht sinnvoll:
- Anlaufstelle für genossenschaftliche und andere gemeinschaftsorientierte Wohnbauprojekte (Fördermöglichkeiten, Veranstaltungen für Erfahrungsaustausch und Vernetzung etc. als Schnittstelle zur Bauverwaltung)
- Immobilienvermittlung an Genossenschaften (vgl. GIMA München)
- Betreuung einer Wohnungstauschbörse
- Vermittlung und Betreuung von Wohntandems
- Betreuung privater Mietwohnungen im Rahme eines Kooperationsmodells
- Wuchermieten-Monitoring
- Erweitertes Leerstandsmanagement (etwa im Hinblick auf die Einhaltung der Zweckentfremdungssatzung)
- Kooperation mit freien Trägern (z.B. Wohnprojekt Augsburg von der Tür an Tür-Integrationsprojekte gGmbH und dem Diakonischen Werk Augsburg e.V.)
- Organisation von Bauausstellungen und anderen baurelevanten Wechselausstellungen, z.B. in der Zwischenzeit oder an einem festen Ort wie dem Plantreff in München (vgl. Ausstellung Eberle, aber auch z.B. Stadtwerke zu Wärmewende, HWK zu Energiesparen im EFH oder Grünplanung)
- Bauberatung
- Bürger*innenbeteiligung
Um diesen Aufgaben gerecht werden zu können, müssten zusätzliche Stellen in der Stadtverwaltung geschaffen werden. Aus unserer Sicht wäre das eine kluge und nachhaltige Investition in die Zukunft unserer Stadt, denn hier geht es darum, einen aus den Fugen geratenen Markt zu bändigen und breiten Bevölkerungsschichten die Erfüllung eines Grundbedürfnisses zu garantieren.
FAZIT
Um die Wohnungsnot zu überwinden, müssen wir kreativ denken und pragmatisch handeln. Was u.a. im Hinblick auf die ökologische Krise nicht praktikabel ist: große Wohnblocks auf die grüne Wiese stellen. Für eine nachhaltige Wohnraumpolitik müssen wir eine Vielzahl kleinerer und größerer Maßnahmen umsetzen. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und künftige Quartiere weitsichtig gestalten. Die Probleme, die wir heute haben, können durch gute Planung schon im Vorfeld vermieden werden: Mehrgenerationenwohnen, flexible Grundrisse, Dritte Orte, kurze Wege – es gibt viele gute Ansätze, wir müssen sie nur umsetzen.