Bei uns piept’s noch, denn der Verlust von Artenvielfalt ist keine düstere Prognose, sondern schon heute traurige Realität. Um diese Entwicklung aufzuhalten, können wir vor Ort aktiv werden – indem wir die Lebensraumvielfalt bewahren und fördern, Lebensräume vernetzen, verbindliche Regeln festlegen, Bildungs- und Beratungsangebote ausbauen und v.a. indem wir erkennen, dass wir diese Aufgabe nur gemeinsam bewältigen können!

Rebellion der Insekten

Insekten haben keine Lobby, die konventionelle Agrarindustrie schon. In diesem Satz steckt bereits das ganze Dilemma. Denn während die Insekten immer weniger werden, wird der höchst problematische Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden nicht ernsthaft genug infrage gestellt. Umweltverträgliche Biolandwirtschaft wird deutlich weniger beachtet und gefördert. Die Rechte von Hummeln, Hornissen und Gelbrandkäfern werden systematisch mit Füßen getreten!

Protestmarsch der LIGA für Insektenrechte. Peter Rauscher (7. v.l.), Schirmherr der Veranstaltung, war als Rotfleckige Düsterbiene, Reiner Erben (5. v.l.) als Libelle dabei. Quelle: https://crafftwerk.de/marsch-durch-oberhausen/

Hier kommt die LIGA für Insektenrechte ins Spiel. Im Februar sind wir als bunter Insektenschwarm vom Alten Straßenbahndepot am Senkelbach zum Friedensplatz in Oberhausen gezogen, um für ihren Schutz zu demonstrieren. Dort haben wir einen symbolischen Insektenausschuss gegründet und Beschlüsse gefasst – etwa gegen Laubbläser und für mehr Totholz. Mit dieser Aktion wollten wir Aufmerksamkeit erzeugen für das Drama, das sich jeden Tag vor unseren Augen abspielt, ohne dass wir es sehen. Wir müssen laut sein, denn die Insekten sterben leise – und mit ihnen zahlreiche andere Arten, denn die Natur funktioniert als Netzwerk, in dem keine Spezies unabhängig von den anderen existiert. Der Mensch ist dabei keine Ausnahme. Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Es wird Zeit, dass wir begreifen, welche Rolle Biodiversität für unser Leben spielt und welches immense Überlebensrisiko ihr Verlust für uns
bedeutet!

 

Ausmaße und Konsequenzen des Artensterbens

Laut Weltbiodiversitätsrat sind weltweit etwa zwei Millionen von geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten gefährdet. Auch die Befunde für Deutschland sind alarmierend. Mit dem „Faktencheck Artenvielfalt“ wurde im Oktober 2024 erstmals ein umfassender Bericht zur Lage der biologischen Vielfalt in Deutschland vorgestellt. Demnach befinden sich rund 60% der 93 untersuchten Lebensraumtypen in einem unzureichenden oder schlechten Zustand. Ein Drittel der Arten in Deutschland ist gefährdet. Ungefähr 10.000 Arten stehen kurz vor dem Aussterben. Etwa drei Prozent der Arten sind bereits unwiederbringlich verschwunden. Es geht aber nicht nur um die Anzahl der Arten, sondern auch um die Anzahl der Individuen – also um die genetische Vielfalt innerhalb einer Art.

Eine Krefelder Untersuchung hat ergeben, dass die Fluginsekten-Biomasse zwischen 1989 und 2016 um 76% zurückgegangen ist. Dieses Phänomen lässt sich deutschlandweit beobachten. Der Verlust von Lebensräumen u.a. durch intensive landwirtschaftliche Nutzung, Übernutzung biologischer Ressourcen, Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive Arten gelten als Hauptursachen dieser Entwicklung. Expert*innen sprechen vom sechsten Massenaussterben in der Geschichte unseres Planeten.

Müssen wir uns also darauf einstellen, dass künftig noch weniger Schmetterlinge über die Wiese tanzen und der Vogelchor im Garten weitere Stimmen verliert? Wenn es uns nicht gelingt, das drohende Massensterben abzuwenden, ist der Verlust schöner Naturerlebnisse unser geringstes Problem. Tiere, Pflanzen, Pilze und Bakterien sorgen für gute Luft, sauberes Wasser und fruchtbare Böden – kurz: sie schaffen unsere (Über-)Lebensgrundlagen. Je größer die Biodiversität, desto größer ist auch die Resilienz eines Ökosystems. Jede Art, die verschwindet, reduziert unsere Widerstandskraft.

Die Zusammenhänge sind so komplex, dass wir unmöglich sagen können, welche Konsequenzen ein Massenaussterben für die Menschheit hätte, aber wir wissen mit Sicherheit, dass unser Überleben unmittelbar von der biologischen Vielfalt abhängt. Wir sägen also genaugenommen nicht nur am Ast, auf dem wir sitzen, sondern fällen gleich den ganzen Baum.

 

Augsburg – Hotspot urbaner Biodiversität

Ende Juni / Anfang Juli kommen Naturliebhaber*innen von weither nach Augsburg, um ein Meer aus purpurrot leuchtenden Blüten der Sumpfgladiole zu sehen, denn auf der Königsbrunner Heide gibt es weltweit das reichste Vorkommen dieser Art. Noch! Mitten in Augsburg, am Königsplatz, lebt die größte Saatkrähenkolonie der Region. Im Alten Floßgraben kommen seltene Fischarten wie die Mühlkoppe vor. Kurz: Augsburg ist ein Hotspot urbaner Biodiversität. Generell sind Großstädte biologisch oft diverser als der ländliche Raum.

Je größer der Strukturreichtum, desto mehr Arten finden ihre Nische. Auf dem Land dominieren mitunter weite, intensiv bewirtschaftete Felder – Monokulturen ohne Hecken, ohne Ackerrandstreifen, mit schnurgeraden, kanalisierten Bächen, die Düngemittel und Pestizide aufnehmen. In Städten gibt es Mauern, Brücken, Bahndämme, Dachstühle, Brachflächen, Gewässer, Parks und Gärten.

Aufgrund spezieller naturräumlicher, biogeographischer und kulturgeschichtlicher Rahmenbedingungen ist Augsburg besonders artenreich. Blaue und grüne Lebensadern durchziehen das Stadtgebiet und sorgen für eine wundervolle Vielfalt. Allein die Flussschotterheiden am Lech zählen zu den diversesten Lebensräumen Mitteleuropas, die darüber hinaus eine wichtige ökologische Trittsteinfunktion in der Floren- und Faunenbrücke Lechtal erfüllen. Als Wildfluss hatte der Lech seit der letzten Eiszeit viel Kies und Schotter abgelagert und seinen Lauf permanent verändert. Mit der Zeit entwickelte sich ein Mosaik aus unterschiedlichen Lebensräumen und Pflanzengesellschaften: Kiesbänke, Strauchgesellschaften, Kiefernwälder mit zahlreichen sehr artenreichen Lichtungen. Weidende Wildtiere sorgten dafür, dass die Lichtungen offengehalten wurden. Später übernahmen diese Aufgabe die Tiere der Wanderschäfer, wodurch diese besondere Landschaft in Teilen bis heute erhalten blieb.

Großstadtbiotop: Herausforderungen und Lösungen für Augsburg

Der Artenreichtum in Augsburg ist nicht selbstverständlich. Im Sommer 2024 haben auf der Königsbrunner Heide nur vereinzelt Sumpfgladiolen geblüht. Der dramatische Rückgang hängt wahrscheinlich mit dem Klimawandel und damit verbundener Dürre und Trockenheit zusammen. Anfang Dezember 2023 hat massive Schneelast zu tausenden Astbrüchen im gesamten Stadtgebiet geführt. Heftiger Hagel hat im August 2023 die besonders schützenswerten Schneeheide-Kiefernwälder im Stadtwald stark geschädigt. Einige Bäume sind inzwischen abgestorben. Extremwetterlagen häufen sich mit dem Klimawandel. Auch Nutzungen wie das von Uniper mitten im Naturschutzgebiet geplante Laufwasserkraftwerk am Lech bei Flusskilometer 50,4 oder unachtsames, rücksichtsloses Verhalten in besonders sensiblen Bereichen, etwa auf den Kiesbänken am Lech während der Brutzeit des Flussregenpfeifers, setzen Arten und Lebensgemeinschaften zusätzlich unter Druck. Wir schätzen und genießen die besondere Naturlandschaft und den Artenreichtum vor unserer Haustür, sollten uns aber stets auch der besonderen Verantwortung für ihren Schutz bewusst sein. Für uns GRÜNE steht fest: Wir übernehmen Verantwortung! Gemeinsam mit vielen Akteur*innen und zusammen mit anderen Kommunen können wir vor Ort und darüber hinaus viel bewegen, um die Vielfalt des Lebens – und damit unsere eigenen Lebensgrundlagen – zu erhalten!

1. Lebensraumvielfalt bewahren und fördern

Um die Artenvielfalt in Augsburg zu erhalten, müssen wir vor allem die Lebensraumvielfalt bewahren und fördern. Deshalb zielt die Augsburger Biodiversitätsstrategie, die bereits 2009 vom Stadtrat verabschiedet wurde, darauf ab, “die vorkommenden und die potenziell zu erwartenden Tier- und Pflanzenarten einschließlich der von ihnen benötigten Lebensräume … zu erhalten, zu sichern und zu entwickeln”. Relevante Lebensraumtypen sind demnach die bereits genannten Flussschotterheiden, Quellen und Quellfluren, magere Wiesen und Streuobstwiesen, lichte Kiefernwälder, Weich- und Hartholzauen, Still- und Fließgewässer, Ackerflächen, Parkanlagen, Alleen und innerstädtische Grünflächen sowie Gebäude. Für alle diese Lebensräume werden konkrete Schutz und Entwicklungsziele anhand der spezifischen Bedarfslagen definiert. Diese Ziele wiederum bildeten eine zentrale Grundlage für das Augsburger Grün- und Freiflächenentwicklungskonzept, das seit 2021 als Entwurf vorliegt und als Basis für die anstehende Fortschreibung des 2010 entwickelten Flächennutzungsplans (FNP) mit integrierter Landschaftsplanung dient. Wichtig ist, bei den bevorstehenden Weichenstellungen nicht klein zu denken! Augsburg könnte “Stadt der 1000 Biotope” werden – 686 haben wir schon! Wir könnten städtische Grünflächen flächendeckend in Blühwiesen verwandeln – in Teilen wird das bereits erfolgreich gemacht! Schluss mit aufgeräumter Stadtnatur: Wir wollen Wildnis – wie am Inneren und Äußeren Stadtgraben, wo mitten in der Innenstadt zwischen Sumpf- und Auenpflanzen mehrere Biberfamilien und sogar Eisvögel leben. Ungepflegte Schutthalden zählen zu den artenreichsten Biotopen der Stadt. Wir müssen alle unsere künftigen Entscheidungen unter Biodiversitätsvorbehalt stellen und uns stets fragen: Inwiefern beeinträchtigt ein bestimmtes Handeln den Naturhaushalt? Wie können wir den Strukturreichtum erhöhen? Wie können wir die biologische Vielfalt an einem Standort gezielt fördern? Sobald Rohre verlegt oder Bäume zugeschnitten werden, müssen wir immer die Möglichkeiten mitdenken, die sich zur Bewahrung und Förderung der Biodiversität bieten und solche Gelegenheiten konsequent nutzen.

Eh-da-Flächen ökologisch aufwerten

Die Möglichkeiten, den Strukturreichtum zu erhöhen, sind zahlreich: Totholz liegenlassen, Sandhaufen aufschütten, betonierte Stadtkanäle wie den Proviantbach durch Vertiefungen, Buhnen oder Flussbausteine revitalisieren, Nistkästen aufhängen oder Insektenhotels aufstellen. Im Rahmen der Initiative Insekten. Vielfalt.Augsburg hat der Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg bereits viele vorbildliche Maßnahmen umgesetzt. Ein Leuchtturmprojekt ist etwa die insektenfreundliche Sanierung des Gaswerkareals in Oberhausen. Entstanden ist eine strukturreiche Fläche mit Magerwiesen, alten Obstbäumen, Totholz und einem Tümpel – ein Paradies für Insekten, Gartenrotschwanz, Igel und Feldhase. Wir wollen erreichen, dass eine systematische Prüfung der städtischen Liegenschaften im Hinblick auf deren ökologisches Potenzial erfolgt und Konzepte für ihre ökologische Aufwertung entwickelt werden.

Es ist naheliegend, sich in Anlehnung an das Konzept der Eh-da-Flächen der RLP AgroScience GmbH besonders auf Flächen zu konzentrieren, die “eh da” sind und derzeit nicht anderweitig genutzt werden – z.B. Verkehrsinseln, Bahntrassen oder Flachdächer. Was spricht beispielsweise dagegen, unsere ÖPNV-Wartehäuschen wie die Stadt Utrecht in “Bee Stops” zu verwandeln? Dort gibt es schon seit 2019 insgesamt 316 insektenfreundlich begrünte Haltestellendächer, um dem Artensterben entgegenzuwirken. Die Gegenfinanzierung erfolgt über Werbeplakate. Die Idee hat inzwischen weltweit Nachahmer gefunden – z.B. in Leipzig. Wir können uns das sehr gut auch für Augsburg vorstellen.

Vielfalt der Parkanlagen erhalten und entwickeln

Unsere städtischen Parks und andere größere Grünanlagen wie Friedhöfe oder Spielplätze sind lebendige Großstadtoasen. Ihr Artenreichtum zeugt davon, dass bereits vieles richtig gemacht wird. Z.B. werden Bäume, die nicht mehr verkehrssicher sind, als Baumtorso erhalten. Gerade alte Bäume haben eine große Bedeutung für die biologische Vielfalt, denn sie bieten mit ihren Spechtlöchern, Fraßgängen, losen Rindenteilen und ausgemorschten Vertiefungen Lebensräume und Brutstätten für zahlreiche (teils seltene) Tiere, Pflanzen, Pilze, Flechten und Moose. Der Torsoschnitt erlaubt also die Sicherung extrem strukturreicher Biotope. Vereinzelt werden auch nicht-verkehrssichere Bereiche eingezäunt, damit alte Bäume erhalten bleiben können – wie z.B. eine besonders nischenreiche Linde im Wittelsbacher Park.

Ein anderer Aspekt betrifft die Beleuchtung. Lichtverschmutzung beeinträchtigt viele Insekten massiv. Andererseits erhöht Beleuchtung die Sicherheit für Passant*innen. Auch im Grün- und Freiflächenentwicklungskonzept ist die Abwägung zwischen Lichtsmog und Sicherheit ein Thema. Hier gilt es, gute Kompromisse zu finden. Augsburg hat mit dem Umstieg von Quecksilber- auf insektenfreundlichere Natrium-Dampflampen bereits vor Jahrzehnten Pionierarbeit geleistet und galt überregional als Modellstadt für umweltfreundliche Beleuchtung. An diese Tradition wollen wir anknüpfen!

Für den Artenschutz besonders wichtige Grünanlagen sind neben dem Wittelsbacher Park der Siebentischwald, die Baumbestände am Königsplatz sowie der Park am Roten Tor mit angrenzendem Kräutergarten. In den letzten Jahren konnten wir weitere positive Entwicklungen voranbringen. Unser Umweltreferent Reiner Erben hat im Jahr 2019 durch Grundstückstausch einen ökologisch wertvollen Teil des Kleinen Martiniparks im Textilviertel in städtischen Besitz gebracht. Dadurch kann gewährleistet werden, dass die Fläche mit ihren teils über 150 Jahre alten Bäumen nicht bebaut wird und die wertvollen Gehölzstrukturen erhalten bleiben. Auch im Windprechtpark im Antonsviertel hat sich was getan. Seit 2023 ist ein Teilbereich für die Öffentlichkeit zugänglich und wird auch für die Umweltbildungsarbeit genutzt. Auf einem anderen Teilbereich weiden zwischen alten Kastanien zwei schottische Hochlandrinder. Es handelt sich dabei um ein Beweidungsprojekt des Landschaftspflegeverbands Stadt Augsburg. Durch die Beweidung wird der Biotopcharakter erhalten und weiterentwickelt. Davon profitieren Insekten, Fledermäuse und rund 60 Vogelarten, darunter Trauerschnäpper und Mönchsgrasmücke. Auch Friedhöfe sind mit ihren Mauern, Hecken, Wasserstellen, Erdhaufen und oft alten Baumbeständen häufig sehr artenreich. Wir wollen das Potenzial, das Friedhöfe für den Artenschutz haben, konsequent ausschöpfen. Auch das städtische Grün- und Freiflächenentwicklungskonzept sieht eine Förderung der Biodiversität auf Friedhöfen vor. Die veränderte Bestattungskultur mit mehr Urnengräbern und weniger Familienund Reihengräbern lässt Raum entstehen, der gezielt zur Förderung der Artenvielfalt genutzt werden kann. Grundsätzlich gelten für artenreiche Friedhöfe dieselben Bedingungen wie für andere Grünanlagen auch: Strukturreichtum und extensive Pflege. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Bedingungen auf allen Augsburger Friedhöfen systematisch hergestellt werden. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, vielfältig bepflanzte Mustergräber anzulegen und Infotafeln aufzustellen, die kompaktes Handlungswissen vermitteln und Lust auf eine biodiversitätsfördernde Grabbepflanzung machen.

Vertikale Strukturen nutzen

Die Stadt ist ein dreidimensionaler Raum. Auch die Vertikale hat Potenzial für den Artenschutz. Viele Arten nutzen menschliche Gebäude als Lebensräume oder Nistplätze (Kulturfolger). So brüten etwa im Turm der Moritzkirche Dohlen und Turmfalken. Fledermäuse (z.B. Wasserfledermaus) bewohnen neuerdings mehrere Bunkeranlagen im Haunstetter Wald. An den Resten der historischen Stadtmauer kann man besondere Fugen- und Ritzenvegetation und – mit etwas Glück – den seltenen Mauerahlenläufer entdecken. Wir setzen uns dafür ein, dass an exponierten Gebäuden, Mauern und Bäumen weitere Nisthilfen für Vögel, Fledermäuse und Insekten angebracht werden – eine einfache und relativ günstige Möglichkeit, die Strukturvielfalt im gesamten Stadtgebiet zu erhöhen. Bei Sanierungen sollen Nistmöglichkeiten gesichert und bei Neubauten welche geschaffen werden. Wir wollen bewirken, dass die Stadt dafür ein Programm entwickelt. Ein weiterer Hebel, an dem wir ansetzen wollen, ist die Förderung von Dach- und Fassadenbegrünung, um möglichst flächendeckend vertikale Nektartankstellen sowie Lebensraum für Vögel, Spinnen und Insekten bereitzustellen. Damit retten wir gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe, denn Begrünung ist auch eine bewährte Klimawandelanpassungsmaßnahme, von der nicht zuletzt die Spezies Mensch profitiert.

2. Lebensräume vernetzen

Vielfältige Lebensräume sind wichtig, aber wenn die Habitate isoliert sind und kein Austausch innerhalb der Arten stattfinden kann, ist deren Fortbestand trotzdem gefährdet. Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt des Grün- und Freiflächenentwicklungskonzeptes auf der Vernetzung von Lebensräumen. Gebäude in der Schwibbogengasse im Lechviertel.

Freiraum- und Biotopverbund

Damit Arten wandern können, muss es Korridore zwischen den Biotopen geben – lineare und punktförmige Verbindungen aus Wiesen, Hecken, einzelnen Sträuchern oder Bäumen. Ein Beispiel für einen solchen Korridor ist der Altstadtring, ein fast geschlossener Grüngürtel entlang der ehemaligen Stadtbefestigungsanlage. Dieser Ring hat allerdings Lücken – etwa in der Fugger- und Eserwallstraße. Wir wollen erreichen, dass diese Lücken geschlossen werden. Wenn die Fuggerstraße neu gestaltet wird, muss der Biotop-Lückenschluss eine zentrale Rolle spielen!

Fließgewässerverbund

Auch unsere Fließgewässer müssen durchgängig sein, damit Arten wandern können. Im Rahmen der großen Augsburger Flussrenaturierungsprojekte “Wertach vital” und “Licca liber” wurden bzw. werden Barrieren beseitigt und Fischpässe angelegt. An der Wertach hat sich die Situation seit dem Spatenstich im Jahr 2000 deutlich verbessert. Teile der flussnahen Aue wurden revitalisiert und dynamische Prozesse können bedingt wieder ablaufen. Der Startschuss für die naturnahe Umgestaltung des Lechs zwischen Mandichosee (Lechstaustufe 23) und Hochablass steht leider noch aus – u.a. weil die Untere Wasserschutzbehörde im Umweltreferat von Reiner Erben zu wenig Mitarbeitende hat. An dieser Stelle müssen wir dringend ansetzen und die Personalsituation schnellstmöglich verbessern! Ein drittes Projekt ist das EU-geförderte “LIFEProjekt Stadt – Wald – Bäche”. Die Gewässer sollen strukturiert und vom Lech bis zum Lochbach durchgängig gemacht werden – z.B. indem Sohlschwellen und Abstürze umgebaut und zu kleine Rohrdurchlässe durch größere ersetzt werden. Auch trockengelegte Rinnen werden reaktiviert. Der Alte Floßgraben ist inzwischen als wichtige Biotopverbundachse wieder durchgängig für Mühlkoppe und Co.

Trockenverbund

Für den Trockenverbund spielen v.a. unsere Heiden eine herausragende Rolle. Ich habe oben bereits ihre Entstehungsgeschichte und besondere Bedeutung für die Artenvielfalt erwähnt. Etwa ein Prozent der ursprünglichen Heideflächen ist noch übrig – verinselte Standorte in Wäldern und Feldfluren. Nicht nur am Lech, auch an der Wertach im Bereich der Inninger Staustufe gibt es kleinere Relikte. Seit vielen Jahren arbeitet der Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg daran, die verbliebenen Heidereste gemeinsam mit Schäfern und Landwirt*innen zu erhalten, zu vergrößern und zu vernetzen, damit ein Austausch innerhalb der Arten stattfinden kann. Beweidung (z.B. durch Przewalskipferde auf der Hasenheide bei Königsbrunn) und naturverträgliche Mahd spielen für ihren Erhalt eine entscheidende Rolle. Wir haben erreicht, dass der Landschaftspflegeverband seit dem Haushaltsjahr 2023 einen höheren Mitgliedsbeitrag von der Stadt für seine wichtige Arbeit bekommt und werden uns dafür einsetzen, dass weitere Mittel für Landschaftspflegemaßnahmen bereitgestellt werden, denn hier ist jeder Euro nachhaltig investiert.

3. Verbindliche Regeln festlegen

Konkrete Maßnahmen sind wichtig, aber um darüber hinausgehende nachhaltige Verbesserungen zu erzielen, ist es sinnvoll, auch regulierende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Baumschutzverordnung

Die 1989 eingeführte und zuletzt 2020 aktualisierte Augsburger Baumschutzverordnung regelt genau, welche Bäume erhalten werden müssen bzw. wann Ersatzpflanzungen erforderlich sind. Leider kommt es immer wieder zu Verstößen. Bäume werden gefällt, obwohl keine Genehmigung vorliegt, oder so schwer beschädigt, dass sie schließlich entfernt werden müssen. Bessere Kommunikation und Personalausstattung wären laut Umweltreferat entscheidend, damit die Verordnung besser wirkt. An dieser Stelle wollen wir ansetzen.

Flächennutzungsplan mit integrierter Landschaftsplanung und Bebauungspläne

Für die anstehende Weiterentwicklung des Flächennutzungsplans mit integrierter Landschaftsplanung fordern wir, dass der Naturschutz künftig priorisiert werden muss und ein entsprechender Grundsatz verankert wird. Handlungsspielräume sollen strikt im Interesse der Artenvielfalt genutzt werden. Die Ausweisung von Baugebieten in sensiblen Außenbereichen, wie zuletzt gegen unsere Stimmen nördlich von Bergheim in der wertvollen Pufferzone zum Naturpark Westliche Wälder, soll künftig nicht mehr möglich sein, wenn es naturverträglichere Alternativen gibt. Auch bei der Neuaufstellung bzw. Aktualisierung von Bebauungsplänen muss der Artenschutz berücksichtigt werden – etwa durch flächensparende, strukturreiche Anlagen mit intensiver, abwechslungsreicher und insektenfreundlicher Durchgrünung.

Kleingartenentwicklungsplan

Auch der Kleingartenentwicklungsplan wird derzeit überarbeitet und kann zur Förderung der Artenvielfalt beitragen – z.B. wenn darin Blühflächen, Nisthilfen oder Steinhaufen gefordert werden und der Einsatz von Pestiziden untersagt wird. Schrebergärten sind besonders wichtige Lebensräume für Insekten. Insgesamt 3.796 Gartenparzellen in 53 Gartenanlagen verpachtet und verwaltet allein der Stadtverband Augsburg der Kleingärtner e.V.

Freiflächengestaltungssatzung und Bodenversiegelungsverbotssatzung

Der Bayerische Landtag hat letzten Dezember beschlossen, dass Kommunen sich nicht mehr in die Gestaltung von Freiflächen auf Grundstücken einmischen dürfen und diesen damit leider ein wichtiges kommunales Steuerungsinstrument aus der Hand genommen, um für mehr Biodiversität und Klimaresilienz sorgen zu können. Angesichts von Artenschwund und Klimakrise ist diese Entscheidung schwer nachvollziehbar. Die Prioritätensetzung geht klar an der Realität vorbei! Die neue Gesetzeslage erlaubt lediglich ein Verbot von Bodenversiegelung, Schottergärten und ähnlich eintönige Freiflächengestaltungen. Diese Möglichkeit müssen wir nutzen und eine entsprechende Satzung für Augsburg auf den Weg bringen! Um positive Anreize zu setzen, haben wir bereits 2023 eine kommunale Förderung für private Entsiegelungs- und Begrünungsinitiativen beantragt. Bürger*innen sollen finanziell unterstützt und kompetent und kostenfrei beraten werden. Wir bleiben dran!

Vorgaben für landwirtschaftliche Nutzung und Förderung ökologischer Landwirtschaft

Rund ein Viertel des Augsburger Stadtgebiets wird landwirtschaftlich genutzt. Einige Flächen werden von der Stadt verpachtet. 2023 konnten wir durchsetzen, dass bei der Verpachtung dieser Grundstücke ökologische Aspekte eine zentrale Rolle spielen. Demnach sollen landwirtschaftliche Grundstücke bevorzugt an Landwirt*innen aus der Region vergeben werden, die ihren Betrieb nachhaltig unter Beachtung der EU-Öko-Richtlinien führen, also u.a. auf synthetische Pflanzenschutzmittel,  ineraldünger und Grüne Gentechnik verzichten, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auf ein notwendiges Minimum reduzieren und aktiv zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit durch Humuswirtschaft und abwechslungsreiche Fruchtfolge beitragen. Wir wollen erreichen, dass die Anwendung dieser Kriterien in Zukunft verbindlich ist und weitere Maßnahmen anstoßen – z.B. eine Biotopvernetzung in der Agrarlandschaft über Hecken und Ackerraine. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass das Erfolgsprojekt “Öko-Modellregion Stadt.Land.Augsburg” verstetigt wird. Die Initiative zielt u.a. darauf ab, die regionale ökologische Lebensmittelerzeugung zu unterstützen, Bevölkerung und Produzent*innen zu informieren und Bio-Landwirt*innen mit regionalen Konsument* innen zusammenzubringen.

4. Bildung und Beratung ausbauen

Die Klimakrise haben die meisten mehr oder weniger auf dem Schirm, das Artensterben und insbesondere die damit verbundenen Risiken für uns Menschen sind jedoch den wenigsten vollumfänglich bewusst. Das zweite zentrale Ziel unserer Augsburger Biodiversitätsstrategie besteht deshalb darin, “die Bevölkerung durch vielseitige und zeitgemäße Umweltbildungsangebote über die einzigartige Naturraumausstattung Augsburgs aufzuklären”. Durch Bewusstseinsbildung, Wissens- und Kompetenzvermittlung soll die Bereitschaft gefördert werden, notwendige Maßnahmen zu akzeptieren und selbst für den Artenschutz aktiv zu werden – z.B. durch biodiversitätsfördernde Garten- oder Balkongestaltung, eine Mitgliedschaft in einem Naturschutzverband oder auch durch nachhaltiges Konsumverhalten.

Umweltbildungszentrum (UBZ)

“Nachhaltiger Dienstag: Schokoladige Einsichten” oder “Upcycling im Garten: Mit Klinkersteinen zum Trockenmauerbeet” oder “Uferpiraten an Lech und Wertach” – im UBZ am Botanischen Garten, für dessen Realisierung wir uns lange eingesetzt haben, gibt es Führungen, Exkursionen, Vorträge, Ausstellungen, Fortbildungen, Workshops und Kochkurse für ganz unterschiedliche Zielgruppen, auch für Kitas und Schulen. Betrieben wird es von der Umweltstation, deren Träger der Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg ist. Das Angebot der Umweltstation ist seit ihrer Gründung 2007 stetig gewachsen. Mit der Eröffnung des neuen Gebäudes im April 2023 wurde ein neues Level im Hinblick auf Sichtbarkeit und Handlungsspielräume erreicht. Jedes Jahr können dort bis zu 1.500 Veranstaltungen stattfinden. Damit ist das UBZ ein wichtiger Baustein im Augsburger Netzwerk „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“. Um die Reichweite perspektivisch noch weiter zu steigern, können wir uns gut ein mobiles Angebot im Sinne aufsuchender Bildungsarbeit vorstellen. Wie wäre es z.B. mit einem BNE-Bus oder einem Biodiversitätsmobil?

Beratung für biodiversitätsgerechte Gartengestaltung

Seit 2021 gehört zum Team des Umweltbildungszentrums auch eine hauptamtliche Insektenrangerin, die zur Förderung der biologischen Vielfalt in Augsburg u.a. Gartenbesitzer*innen bei der insektenfreundlichen Umgestaltung ihrer Grundstücke berät. Es ist ein sinnvoller Schritt, bei der Gestaltung von Privatgärten anzusetzen und niederschwellig qualifizierte Beratung anzubieten. In der Summe entspricht die Fläche der Gärten in Bayern mit rund 135.000 Hektar ungefähr der Fläche der Naturschutzgebiete.

Es macht also einen großen Unterschied, ob diese Flächen als strukturreiche Lebensräume zur Verfügung stehen oder ob sich dort tote Schotterwüsten befinden – zumal Gärten für den Biotopverbund als “Trittsteine” eine wichtige Rolle spielen. Bereits kleine Maßnahmen wie das Aufstellen von Insektentränken können für eine deutliche ökologische Aufwertung sorgen. Wir brauchen große Kampagnen, um zu sensibilisieren, Perspektivenwechsel und neue ästhetische Vorlieben zu fördern: Unordnung ist schön! Eine tolle Idee hat etwa die Stadt Andernach umgesetzt: Im öffentlichen Raum wurden zwei Modellbeete mit Sitzplätzen angelegt. Ein Beet ist naturnah, das andere als Schottergarten gestaltet. Die Temperaturunterschiede können direkt über eine digitale Anzeige nachvollzogen werden und eine Infotafel klärt über die Vorteile der naturnahen Gestaltung auf: besseres Mikroklima, weniger Pflegeaufwand und natürlich mehr Biodiversität. Aufklärung, Beratung und die Zurverfügungstellung von gebietseigenem Saatgut können Hemmschwellen senken und den erforderlichen Wandel unterstützen.

Zoo und Co. – städtische Bildungsorte weiterentwickeln

In Augsburg gibt es städtische Bildungsorte, die prädestiniert sind, Wissen und Kompetenzen im Kontext biologischer Vielfalt zu vermitteln – z.B. Naturmuseum oder Zoo. Das Bildungspotenzial wird dort nicht voll ausgeschöpft. Deshalb haben wir schon 2023 eine Weiterentwicklung dieser BNE-relevanten Bildungsorte beantragt. Wünschenswert wäre außerdem ein starker Fokus auf die Natur vor unserer Haustür. Im Zoo gibt es bereits Bereiche, die explizit der heimischen Tierwelt gewidmet sind. Eine innovative didaktische Aufbereitung mit multimedialen Elementen könnte zu einem nachhaltigen Bildungserlebnis beitragen. Wir dürfen solche Bildungsgelegenheiten nicht liegenlassen!

5. Artenschutz geht nur im Schwarm!

Für den Protestmarsch der LIGA für Insektenrechte haben sich viele Insektenarten zusammengeschlossen, denn nur gemeinsam können wir die Kuh vom Eis bzw. das extrem seltene Eis Felsenblümchen von der Roten Liste holen. Zahlreiche Fachstellen, Landwirt*innen, Verbände und einzelne Akteur*innen sind in und um Augsburg aktiv, um unsere besondere Landschaft mit ihrer außerordentlichen Artenvielfalt zu erhalten. Es ist unsere Aufgabe, ihre wertvolle Arbeit bestmöglich zu unterstützen! Neben den zahlreichen haupt- und ehrenamtlichen Naturschützer*innen setzen sich auch einige regionale Unternehmen und öffentliche Einrichtungen für den Artenschutz ein: z.B. die Stadtwerke, die Lechwerke AG, die AVA Abfallverwertung, die Wohnbaugruppe Augsburg aber auch Universität und Uniklinikum Augsburg – etwa indem sie auf ihren Flächen für eine strukturreiche Gestaltung sorgen. Über entsprechende Wirtschaftsfördermodelle kann die Stadt dieses Engagement gezielt fördern. Und auch alle Augsburger*innen, die ihre privaten Gärten so gestalten, dass sich dort Insekten, Vögel, Igel usw. wohlfühlen, leisten einen wichtigen Beitrag. Wir wollen alle einladen, sich einzubringen. Biodiversität zum Mitmachen! Entsiegelungswettbewerbe, Prämienprogramme für besonders biodiversitätsfreundliche Balkone und Gärten, gemeinsame Pflanzaktionen oder Baumpatenschaften – es gibt viele Möglichkeiten, als Gemeinschaft für die Artenvielfalt aktiv zu werden. Wir müssen aber auch über den Tellerrand schauen und über die Stadtgrenzen hinauswirken. Augsburg ist seit 2024 Mitglied im Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt e.V.“ (Kommbio). Wir können voneinander lernen und gemeinsam für bessere Rahmenbedingungen (Gesetze, Fördermittel etc.) streiten. Es gibt noch viel zu tun, aber wir sind nicht allein!

Augsburger Stadtnatur in Zahlen
  • Über 24% des Stadtgebiets sind bewaldet.
  • Rund 28% des Stadtgebietes sind als Schutzgebiet ausgewiesen.
  • Augsburg hat drei NATURA 2000 Gebiete: Höhgraben und Lechbrennen, Lechauen Nord und Stadtwald.
  • Der Stadtwald ist mit 2.200 Hektar eines der größten und artenreichsten Naturschutzgebiete in Bayern. Expert*innen schätzen, dass hier rund 3.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten vorkommen, darunter zahlreiche eingewanderte Arten aus ganz Europa.
  • In Augsburg gibt es 686 Biotope mit 2.529 Teilflächen.
  • Das Gewässernetz im Stadtgebiet, bestehend aus Lech, 29 Lechkanälen, Wertach, 4 Wertachkanälen, Singold und 19 Stadtbächen, ist über 170 Kilometer lang.
  • In Augsburg gibt es etwa 26 Biberreviere – vom Biber geschaffene Biotope mit enormer Artenfülle.

Beteiligte Personen